Was Kunden so aus dem Urlaub mitbringen
Geduld, mehr Geduld bitte

Amazon und die Buchrezensionen

Ein leidiges Thema. Als Autor bin ich da Betroffener und habe damit meine diversen unguten Erfahrungen gemacht.

Verisse und Eigenwerbung von Mitbewerbern

Gleich bei meinem ersten Titel hatte ich mit einem Verriss zu tun, der wohl ziemlich eindeutig von einem Mitbewerber eingestellt war. Denn die Negativrezension diente dazu, sein eigenes Buch im Rahmen der Besprechung als das bessere zu empfehlen. Ein klarer Verstoß gegen die Rezensionsrichtlinien. So etwas kann man bei Amazon monieren. Allerdings muss man Glück haben, dass der Sachbearbeiter die hauseigenen Rezensionsrichtlinien kennt und interpretieren kann. In meinem Fall hatte ich erst beim zweiten Sachbearbeiter Glück. Oder war es, dass mir der Nachweis gelang, dass eben jener Kollege den Trick (Verreissen und aufs eigene Buch verlinken) bei zahlreichen populären Marketingbestsellern ebenfalls angewandt hatte?

Anonymität

Die Mehrzahl der heftigen Verrisse wird anonym oder mit erfundenen Identitäten verfasst. Nennen wir das, was es ist: feige und hinterhältig. Entweder man diskutiert die Thesen eines Buches offen oder man lässt es. Wer eine Rezensionsplattform anbietet wie Amazon und dies nicht unterbindet, schafft keine fairen Bedingungen. Einzelne Autoren wehren sich dagegen oder nutzen dies schamlos aus, indem sie ihr eigenes Werk mit lobhudelnden Kommentaren versehen.

Bezahlte Rezensionen

Aus Verlagskreisen weiß ich, dass man positive Rezensionen bei Amazon kaufen kann – das Honorar dafür soll bei 100-150 Euro liegen. Es ist aber auch gut vorstellbar, dass es Laienrezensenten gibt, die es für weniger tun. Allerdings war niemand von Verlagsseite bereit, einmal Namen der Anbieter zu nennen. Auch hier sollte Amazon ein Interesse haben, faire Bedingungen herzustellen und das Geschäft soweit wie möglich zu unterbinden.

Hasstiraden

Die Autorin Patricia Sin, über deren Erfolg mit dem Erotikbestseller „Schmetterlinge am Venushügel“ ich vor kurzem berichtete, wurde unlängst in einen Streit unter Mitgliedern eines Forums verwickelt, aus dem sie anschließend auch austrat. Danach häuften sich übelste Verrisse bei Amazon sprunghaft. Und mit übel meine ich dies: Hätte man mit gleicher Wortwahl nicht das Buch, sondern eine andere Nation diffamiert, wäre der Generalbundesanwalt tätig geworden. Es bedurfte erst zahlreicher E-Mails, um diese Entgleisungen aus Amazon zu entfernen.

Koordination mit anderen Datenbanken

Eine Vielzahl von Online-Buchshops übernehmen die Daten und auch das Rezensionsmaterial von Amazon. Keine Ahnung wie deren geschäftliche Verbindung aussieht. Tatsache ist, dass bei Amazon bereits gelöschte Rezensionen dort noch wochenlang stehen bleiben. Ob jemals eine Aktualisierung der Datenbestände erfolgt, kann ich nicht sagen.

Kundenfreundlichkeit

Also das Wort kennt man bei Amazon nicht – jedenfalls dann nicht, wenn man die Autoren als Kunden betrachtet. E-Mails zu Rezensionen werden in den seltensten Fällen beantwortet. Ob eine Rezension gelöscht wird oder nicht, kann man Tage oder Wochen später den Amazon-Seiten entnehmen, eine Benachrichtigung oder die Angabe von Gründen gibt es nicht. Das Verfahren ist intransparent, das Unternehmen so anonym und gesichtslos wie viele der üblen Rezensenten.

Verschwundene Rezensionen

Frank Neuhaus, der Inhaber der Nürnberger Werbeagentur Ad!Think verfasste vor ein paar Wochen eine Rezension zu meinem Buch "Marketeasing" in seinen Agenturnews. Die er anschließend auch bei Amazon einstellen wollte. Gedacht, getan. Er wunderte sich Tage später, dass nichts geschah. Sie erschien nicht. In einem E-Mail Kontakt stellte sich heraus, dass er einen Link zu seiner Agentur in die Rezension eingebaut hatte – ein Verstoß gegen die Rezensionsrichtlinien. Eine Nachricht darüber erhielt er von Amazon leider nicht. Wer ist da noch motiviert, Rezensionen zu verfassen? Also den Link raus und den Text noch mal eingegeben. Als der wieder nicht erschien, hat Frank Neuhaus es aufgegeben. Hätte ich auch. Und das bringt uns zum nächsten Problem.

Keine Nachricht von Amazon

Wie Amazon mit den Rezensionen umgeht, ob sie aufgrund eines Richtlinienverstoßes oder aufgrund von Datenbankfehlern nicht erscheinen, darüber gibt es keine Auskunft von Amazon. Natürlich wäre es interessant für Rezensenten zu erfahren, warum eine Rezension abgelehnt wurde. Warum sollen sich die Kunden und Autoren die Mühe machen, Inhalte für Amazon zu verfassen und damit deren Shop attraktiver zu machen, wenn sie derart ignoriert werden?

Anmerkung:

Anhand der Entwicklungen bei der amerikanischen Ausgabe amazon.com, siehe mein früheres Posting oder auch die Hinweise zu Produkt-Wikis von Jochen Krisch, ist klar zu erkennen, was Amazon will – nämlich sowohl die Produzenten als auch die Nutzer von Produkten (ich habe jetzt mal nur von Autoren und ihren Büchern geredet) stärker einzubinden. Wenn das klappen soll, muss das gesamte Amazon-Verfahren transparent und fair sein. Und der unnahbare und daher arrogant wirkende Riese muss ja nicht gleich in den Dialog mit seinen Kunden treten. Aber Mails beantworten wäre nicht schlecht.

Kommentare

Hans Peter Roentgen

Lieber Bernd Röthlingshöfer,

zum Teil kann ich die Praktiken bestätigen, zum Teil nicht.

Dass man keine Meldung bekommt, wenn die Rezension abgelehnt wurde, ist äußerst ärgerlich, Ablehnungen sind zufällig und ist man hartnäckig, kommt die gleiche Rezi dann doch.

Die neue Software, die sie jetzt eingespielt haben, hat zwar anfänglich jede Menge Ärger gemacht, aber dürfte den anonymen Rezensionen die Arbeit zum mindestens erschweren. Ganz abschalten wird man es nie können - dazu gibt es zuviele Möglichkeiten.

Dass Verlage 100-150 Euro für Rezensionen zahlen, halte ich für ein Gerücht. Zeitungen zahlen sehr viel weniger dafür und es gibt jede Menge Leute, die für viel weniger Geld aktiv werden würden.

Dass Amazon nicht reagiert, kann ich in letzter Zeit nicht mehr bestätigen. Da kommt erst eine nichtsagende Standardmail, wenn man dann "NEIN" auf die Frage anklickt: War die Antwort hilfreich, kommt eine brauchbare Mail - und mir gegenüber haben Sie sogar zugegeben, mit der neuen Software Probleme zu haben. Im Vergleich zu dem, was andere große Firmen einem antworten (besser gesagt: zumuten), ist Amazon mittlerweile ziemlich gut geworden - war aber mal deutlich schlimm.

schöne Grüße

Hans Peter Roentgen

weiser

Lieber Herr Röthlingshöfer,

Ihre Beobachtungen treffen z.T. den Nagel auf den Kopf, z.T. allerdings kann ich sie zumindest auf mich nicht beziehen.

Dass Amazon mit eingereichten Rezensionen recht schlampig umgeht (vorsichtig formuliert), entwickelt sich zur Binsenweisheit -- und dass der Listenrang eines Rezensenten ebensowenig aussagekräftig ist wie die Anzahl der "hilfreichen" Bewertungen bei einem Produkt, dürfte zumindest von etwas nachdenklicheren Lesern klar erkannt werden. Und auch negative Rezensionen, die vornehmlich der Promotion eigener Werke dienen sollen, erkennt man auf den ersten Blick daran, dass sie über das rezensierte Buch selbst keine stichhaltige Aussage machen.
Die meisten (ausführlichen und un-anonymen) negativen Rezensionen sind allerdings ohne derlei Hintergedanken geschrieben worden, so jedenfalls mein Eindruck.
(Übrigens: Auch wenn ich mich momentan auf Rang 33 der Rezensenten-Rangliste wiederfinde, halte ich diese Rangliste nur für bedingt glaubwürdig; u.a. aus den von Ihnen aufgeführten Gründen).

Die Amazon-Rezensionsrichtlinien, bzw. ihre Überprüfung, kann ich ebensowenig wie Sie ernstnehmen -- mal wird eine Rezension aus unerfindlichen (und auch durch Nachfrage nicht eruierbaren) Gründen nicht online gestellt, das nächste Mal aber dann doch... Völlig sachliche Passagen werden gekürzt, usw. Alles schon erlebt (Groteske Details und mehr hierzu können Sie übrigens in dem Forum http://p086.ezboard.com/brezensionen nachlesen). .

Was die von Ihnen beschriebenen unschönen Pseudo-Kriege um die Plazierung des eigenen Buches betrifft -- hier kann ich leider nicht mitreden, aber ich kann mir das Ganze gut vorstellen.
Dass neuerdings keine anonymen Rezensionen bei Amazon mehr möglich sind, dürfte die Lage ein wenig entschärfen, aber ganz eindämmen dürfte schwierig sein -- sogar dann, wenn man sich bei Amazon in dieser Hinsicht seriöser verhielte, als man es offenbar tut.

Nun aber -- Ihrem Generalverdacht, Rezensenten ließen sich gut bezahlen, muss ich energisch wiedersprechen. Mittlerweile stehen zwar 596 Rezensionen von mir zu Buche, aber wenn Sie insgesamt 4 Rezensionsexemplare nicht als Bezahlung werten wollen, wurde ich für KEINE Rezension irgendwie bezahlt. Hier erwarte ich eine Entschuldigung von Ihnen. Und auch, dass ich bei entsprechender Bezahlung wider besseres Wissen loben würde, betrachte ich als Unterstellung, die zurückzunehmen ich Sie bitte -- ich kenne auch einige weitere Rezensenten, die in dieser Hinsicht ebenso unverdächtig sind; vermutlich trifft das sogar auf die meisten Amazon-Rezensenten zu. Ich kann Ihren Ärger über die ungerechte Behandlung, die Ihnen widerfahren ist, gut verstehen -- aber Ihre Reaktion sollte nicht in einen Rundumschlag münden.

Beim Durchlesen dieses Postings merke ich, dass meine Anmerkungen stellenweise wie eine Verteidigung der Geschäftsgebahren von Amazon klingen -- das allerdings wäre nicht in meinem Sinne. Tatsächlich kann man mit etwas Beobachtungsgabe den Verdacht nicht abwehren, dass hier unterbezahlte Service-Mitarbeiter restlos überfordert sind, während das Unternehmen selbst seinen Schwerpunkt auf Gewinnmaximierung unter maximalem Einsatz der Ellenbogen zu legen scheint -- unter Missachtung der Leistungen "niedriger Chargen" ebenso wie der Leistungen der mehrheitlich unbezahlten Rezensenten. Was derlei Zynismen darüber verraten, als was die Kunden angesehen werden, möchte ich lieber nicht aussprechen.

Herzlich,
i.w.

Bernd Röthlingshöfer

Hallo Herr oder Frau Weiser, danke für den ausführlichen Kommentar. Ich habe keinen Generalverdacht ausgesprochen und auch eine Generalentschuldigung wird es nicht geben. Beides wäre naiv. Was ich mir wünsche, ist mehr Licht in diese Ecke des Buchmarktes zu bringen. Vielleicht wird dann das eine oder andere schwarze Schaf entdeckt.

Bernd Röthlingshöfer

Hallo Herr oder Frau Weiser, danke für den ausführlichen Kommentar. Ich habe keinen Generalverdacht ausgesprochen und auch eine Generalentschuldigung wird es nicht geben. Beides wäre naiv. Was ich mir wünsche, ist mehr Licht in diese Ecke des Buchmarktes zu bringen. Vielleicht wird dann das eine oder andere schwarze Schaf entdeckt.

Kai J. Schlesinger

Die Andeutung der Bezahlungsmodalitäten für genehme Rezensionen finde ich sehr interessant und stichhaltig.

Anders sind die vielen Gefälligkeitskommentare kaum zu erklären. Selbst bin ich das Opfer einer solchen "Rezension" kürzlich geworden. Eine Rezension, die ganz offensichtlich Falschbehauptungen über ein Buch aufstellt und von Amazon aus unerfindlichen (?!) Gründen nicht gelöscht wird.

Die Antwort des Amazon-Kundendienstes fand ich ziemlich arrogant und wenig sachbezogen. Seither weiß ich wenigstens was ich von den Rezensionen zu halten habe.

Negative Bewertungen sind häufig Racheakte, positive Bewertungen als Eigenwerbung anzusehen.

Monika  Wegler

Sehr geehrter Herr Roethlingshoefer,

durch google bin ich auf Ihrer Internetseite gelandet und habe mit großem Interesse Ihren Block bezüglich "Amazon Rezensionen" gelesen.
Als Autorin und Fotografin verschiedenster Tierratgeber, bin auch ich eine Betroffene. Ich kann Ihnen aus meiner langjährigen Erfahrung bezüglich "Lesermeinungen" und ihrer Hintergründe sowie der Gepflogenheiten bei Amazon nur in allen Punkten Recht geben. Die Plattform dieses Giganten ist in vieler Hinsicht renovierungsbedürftig. Auf Grund des schnellen Wachstums jedoch und des Mangels an fachkundigen Mitarbeitern, weiß hier die eine Hand zumeist nicht, was die andere tut.
In meinem Sachbuchbereich mit Reihentiteln beispielsweise, werden noch nicht einmal die Rezensionen passend zum aktuellen Buchtitel präsentiert.Die Folge davon: Ein komplett neuer Ratgeber von 2008 mit völlig neuem Text, Fotos, Layout und auch einem neuen Autor, erhält Leserbewertungen, die diesen Titel überhaupt nicht betreffen. Für den Internetuser ist dies aber auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar, was zu weiteren Fehlinformationen führt.
Auch unsere Bemühungen, dass die Bewertungen von Amazon dem entsprechenden Ratgeber korrekt zugeordnet werden, sind bis heute von Amazon nicht umgesetzt worden. Ich finde diese Zustände unfassbar. Sie sind unfair sowohl gegenüber den Autoren, als auch den Amazon- Usern, die ja einen Anspruch darauf haben korrekt informiert zu werden.
Weiterhin sollte Amazon dafür Sorge tragen, dass die eigenen Richtlinien für Rezensionen auch eingehalten und entsprechend kontrolliert werden, was leider ebenfalls nicht der Fall ist. Mit respektvollen Bewertungen und einer sachlichen Kritik von Lesern, die das vorliegende Buch auch gelesen haben, kann sicherlich jeder Autor gut leben. Wenn sich jedoch dort gezielt auf niedrigstem Niveau einige Wenige austoben dürfen, sinkt das Niveau runter auf das der einschlägigen Chatrooms und Foren.
Auch einen verantwortlichen Ansprechpartner bei Amazon zu finden, erinnert mich immer mehr an den Kundenservice der Deutschen Telekom, wenn man dort um Hilfe ansucht für ein technisches Problem.
Somit kann ich mir als Amazon-Kunde und als Buchautorin nur wünschen, dass hier von Seiten der Verantwortlichen entscheidende Schritte unternommen werden für mehr Transparenz und einem fairen Miteinander.

Mit freundlichen Grüßen

Monika Wegler

Michael Webersheimer

Sehr geehrter Herr Roethlingshoefer,

bei der Recherche fuer einen Aufsatz im Rahmen meines Studiums habe ich Ihre Website entdeckt.

In Ihrem Blogg ‘Amazon und die Buchrezensionen’ schreiben Sie, dass es moeglich ist, sich positive Kritiken zu kaufen. Ich weiss, der ist schon aelter, aber ich habe keine E-Mail-Adresse gefunden. Vielleicht bekomme ich ja trotzdem eine Antwort?
Denn genau diesen Punkt muss ich in meiner Arbeit beruecksichtigen (es geht in diesem Fall um eine DVD mit vielen positiven und sehr wenig neagtiven Bewertungen, aber die Verfahrensweise wird sicher aehnlich wie bei den Buechern sein).
Gibt es eventuell bestimmte Merkmale an denen man diese gekauften Rezensionen erkennen bzw. erahnen kann? In einem Forum habe ich gelesen, dass die gekauften oft nur einmal unter diesem Namen schreiben und jemand mit vielen Bewertungen (gute und schlechte) wahrscheinlich nicht gekauft ist.
Oder gibt es noch weitere Literatur zu dem Thema?

Vielen Dank fuer Ihre Bemuehungen.

Mit freundlichen Gruessen
MW

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