Wie man im Jahre 2007 "netzwerkt"
Von der Bloggerin zur Buchautorin

Publicity ist kein Zahlungsmittel

Es gibt ja eine Reihe von Kongreßveranstaltern in Deutschland, die meinen, die Chance vor einem irgendwie wichtigen Publikum aufzutreten zu dürfen, reicht als Bezahlung für einen Referenten aus. (Übrigens sind oft die Veranstalter, die die dicksten Eintrittsgelder von den Zuhörern kassieren genau die gleichen, die den Referenten nichts zahlen wollen). Viele Kongresse sind daher nix anders wie teure Butterfahrten - jeder preist seine Heizdecken an so gut er halt kann.

Jetzt hat offenbar auch Sinner Schrader seine Angel unter diese Heizdeckenvertreter geworfen:

"Sie sind Visionär und möchten Ihre innovativen Ideen einem Reality Check unterziehen? Dann suchen wir Sie als Referenten für das Innovation Camp auf der next07. Alle Zukunftsvisionen unter einem Dach, präsentiert von den wichtigsten Köpfen der Branche: Hier werden die Themen vorgestellt und diskutiert, die das Potenzial haben, im kommenden Jahr die Agenda zu bestimmen.
SinnerSchrader und die Deutsche Bank AG suchen gemeinsam innovative Ideen zur Präsentation in etwa zwanzigminütigen Vorträgen mit anschließender Diskussion."

Dumm nur: In einem Zeitalter wo jeder Bloggen oder sein eigenes Barcamp veranstalten kann, kann jeder seine visionären Ideen selbst verbreiten. Publicity ist Allgemeingut. Kein Zahlungsmittel.

Sorry, fast hätte ich den Preis übersehen:

"Als Preis für die interessanteste Zukunftsvision wird am Kongressabend von unserer Jury ein Venture-Capital-Beratungsgespräch vergeben".

Update! Don Alphonso sagt es weniger nett als ich, na klar. Bin zwar nicht immer seiner Meinung aber diesmal trifft er den Nagel auf den Kopf.
"Wenn ich das mal so direkt sagen darf. Solche Bewerbungen sind meines Erachtens peinlicher für den, der sie will, als für den, der sie erstellt. Komischerweise hat bei Ihnen offenbar keiner die Traute, Sie auf die Erbärmlichkeit dieses Tuns hinzuweisen. Ich habe in meinem Dasein schon viele Bewerber gesehen, die sich gewisser Dinge nicht entblödeten - meine Verachtung aber gilt denen, die sie dazu bringen, sich so an eine Klitsche ranzuschmeissen."
Dummerweise haben die Dialog-Experten von Sinner Schrader das Feingefühl groben Schleifpapiers und eine stoische Resistenz gegen Einsicht.

Kommentare

Nessa

Sorry, dass ich "dumm" frage: Was ist denn nun eigentlich ein barcamp?
Grüsse
Nessa

Bernd Röthlingshöfer

Guckst Du hier:
http://www.barcamp.at/Was_ist_ein_BarCamp

Mark Pohlmann

Kommentarvorschau

Aber so richtig mit dem Kongress auseinandergesetzt haben Sie sich nicht, oder? Wir haben sechs Themenkanäle (Handel, Marken, Spiele, Medien, Start-ups und Innovation Camp). In den ersten vier besetzen wir die Vortragsplätze komplett selbst. Einige Redner, die wir unbedingt dabei haben wollen und anders nicht bekommen hätten, bekommen auch ein Honorar. Alle, ganz gleich ob bezahlt oder nicht, sehen in ihrem Auftritt aber eine wunderbare Chance zur Selbstvermarktung und machen gerne mit.

Bei den Startups und im Innovation-Camp wollen wir auf Themen aufmerksam machen, die im Konzert der großen Themen vielleicht untergehen würden, aber es wert sind, behandelt zu werden.
Hier gibt es mit der Ausschreibung die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und so als Referent aufzutreten.

Immerhin haben wir am 3. Mai einen Großteil der deutschen Internetwirtschaft in Hamburg vertreten, wir erwarten bis zu 700 Teilnehmer aus allen Segmenten, von DAX-Vertretern bis Bloggern. Es könnte also nicht so ganz sinnlos sein, sich dort vorzustellen. Es ist eine Chance für diejenigen, die wir nicht als Referenten anfragen können, weil wir sie noch gar nicht wahrgenommen haben, sie aber vielleicht doch schon was zu sagen haben.

Zum Thema Geschäftsmodell: SinnerSchrader ist kein Kongressunternehmen, sondern ein Internetdienstleister. Der Kongress bringt kein Geld, sondern er kostet uns Geld. Aber das ist auch ok, denn er ist für uns und für die gesamte Branche ein Werbeinstrument.

Und deswegen nochmal direkt meine Frage an Sie: Wo ist das Problem?

bernd Röthlingshöfer

Das Problem steht schon in meiner Überschrift.

Noch was: Lesen Sie sich doch mal den Text Ihrer Ausschreibung durch, dann merken Sie wie wichtigtuerisch und selbstgefällig das Ganze formuliert ist.

Aus dem Cluetrain Manifest:
Der aufgeblasene, wichtigtuerische Jargon, den ihr verbreitet — in der Presse, auf euren Konferenzen — was hat der mit uns zu tun?
Firmen müssen von ihrem hohen Ross herabsteigen und mit den Menschen sprechen, mit denen sie Beziehungen aufbauen wollen.
Märkte möchten nicht mit Sprücheklopfern und Aufschneidern sprechen. Sie möchten an den Gesprächen teilnehmen, die hinter den Firewalls stattfinden.

Usw.

Mark Pohlmann

wo bitte ist denn bei der next07 das zahlungsmittel in dem spiel? was bitte haben sie dagegen, groß und klein miteinander zusammenzubringen? und was anderes als ein angebot zum gespräch ist denn ein kongress? und wo ist denn ihr edler schimmel, wenn wir auf einem hohen roß sitzen? ist ihre mit eigenwerbung zugepflasterte website nicht wichtigtuerisch und selbstgefällig? wird ihre welt nur in barcamps gerettet?

Bernd Röthlingshöfer

Hätte nicht gedacht, dass Sie sich so provozieren lassen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und das Wochenende ist da. So what..

Mark Pohlmann

ach, sie wollten nur provozieren? wahrscheinlich, um ihre überlegene dialogkompetenz unter beweis zu stellen?

Susanne

@M. Pohlmann: quod erat demonstrandum. Oder auf deutsch: Beweis erbracht.

lvgwinner

So gehen Fachleute also mit einem "Maven" um... sehr aufschlussreich.

Martin

Interessante Diskussion (noch interessanter: der Diskussionsstil).

Ich wüsste ja auch gerne, weshalb man auf einer solchen Veranstaltung nicht (mehr oder weniger) jungen Gründern die Chance geben sollte, die eigene Idee einem interessanten/interessierten Publikum vorzustellen. Oder geht's heut überall nur noch um Geld, Geld, Geld? Ist qualifiziertes Feedback nichts mehr wert? Und neue Kontakte? Auch nichts wert? Ich weiß nicht so recht...

Ausbeutung sollte man anprangern, keine Frage. Aber überall Ausbeutung zu vermuten, wo kein Bargeld fließt, finde ich nun auch wieder weit übers Ziel hinaus geschossen.

Clemens Scheerer

Also ehrlich gesagt kann ich die Diskussion nicht ganz verstehen. Ich finde es viel schockierender, dass für einen Kongress Geld verlangt wird, auf dem schon WIEDER dieselben Leute vortragen, wie bei allen anderen Bezahlkongressen der letzten 15 Monate.

GÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHNNNNNN. Zum Glück ist wenigstens jemand von Google dabei, aber sonst kann man sich die Vorträge wohl schon heute auf YouTube ansehen, wenn man nach den Referenten sucht.

Bin gespannt, ob wenigstens die Jahreszahlen in den Präsentationen aktualisiert wurden, wenn man sich auch die next07 wieder bei sevenload, youtube und Co ansehen kann.

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