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Das Selma-Projekt: Interview mit dem Initiator und Komponisten David Klein

Davidklein_4 David wie entstand die Idee, die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger zu vertonen?

Aus Liebe! Ich war zu der Zeit in eine junge Frau verliebt, von der ich wusste, dass sie Lyrik mag. Eine ihrer Lieblingsschriftstellerinnen war Hilde Domin, welche sich ja auf dem Umschlag von „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ begeistert über Selmas Gedichte äußert. Ich habe also meiner Angebeteten das Buch geschenkt, allerdings ungelesen! Wir sind dann auch tatsächlich zusammengekommen und ich habe ihr irgendwann während eines Telefongesprächs gestanden, dass ich das Buch gar nicht gelesen hatte. Sie fand das ziemlich witzig und las mir dann am Telefon das Gedicht „Ich bin die Nacht“ vor. Da fiel es mir wie Schuppen von den Ohren: Songtext! Ich habe also angefangen, mich mit Selmas Gedichten zu befassen und Musik dazu zu schreiben.

In mir ist etwas entstanden, ohne dass ich viel darüber nachgedacht hatte. Ein überwältigendes Bedürfnis, die Gedichte dieses jungen, hochtalentierten Mädchens zu vertonen, das auf einem der wenigen erhalten gebliebenen Fotos strahlend einem Leben entgegenlacht, dass eigentlich schon vorbei war. Ich bin Jude und der zweite Weltkrieg und der Holocaust haben seit ich denken kann eine eigenartige Faszination auf mich ausgeübt. Erst als ich im Nachlass meines kürzlich verstorbenen Vaters einen Brief entdeckte, begann ich zu ahnen, warum das sein könnte. Es war der letzte Brief meiner Urgrossmutter mütterlicherseits aus dem KZ Theresienstadt, kurz bevor sie umgebracht wurde. Die Eltern meines Großvaters haben sich, nachdem sie erfuhren, dass sie nach Auschwitz deportiert werden sollen, umgebracht. Mein Vater hatte darüber nie gesprochen. Er lebte übrigens die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Deutschland und fühlte sich da sehr wohl. In einem Interview sagte er (er war auch Musiker): „Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechte Gewalt, das ist die Fratze Deutschlands, ihr Gesicht jedoch, ist die Toleranz.“

Das erste Gedicht, das ich vertont hatte, war „Trauer“. Ich habe mich hingesetzt und die Melodien kamen wie von selbst, nach ein paar Stunden war das Stück fertig. Die ganze Zeit hatte ich beim Schreiben der Musik die Stimme von Herbert Grönemeyer im Ohr, obwohl ich jetzt nicht der große Grönemeyer Fan bin. Ich besitze auch keine CD von ihm. Aber immer wenn ich ihn irgendwo am Radio gehört habe, hörte ich in seiner Stimme diese ganz bestimmte aufrichtige Dringlichkeit, die ich für „Trauer“ brauchte.

Zu der Zeit hatte man lange nichts von ihm gehört, also dachte ich mir: dann ruf ich doch einfach den Herbert Grönemeyer mal an. Meine Freunde haben mich belächelt. Ja ja, der Grönemeyer, der wird jetzt deine Musik singen, träum ruhig weiter. Grönemeyer habe ich anfangs nicht selbst gesprochen. Wie sich herausstellte, war er damals zu den Aufnahmen für sein Album „Mensch“ in London. Ich habe sein Management kontaktiert und eine Absage erhalten. Zwei Stunden nach der Absage klingelt das Telefon erneut. Herbert Grönemeyer wollte nun doch mitmachen! Er hatte in einer Aufnahmepause im Studio meine CD entdeckt, die ich ihm schickte, hatte reingehört und war total begeistert.

Aber Herbert Grönemeyer ist jetzt gar nicht dabei. Und das Gedicht „Trauer“ auch nicht.

Grönemeyer hatte ich ja nicht für „Selma-In Sehnsucht eingehüllt“ angefragt, sondern für unsere CD „The World Quintet“, die 2002 erschien und da ist „Trauer“ auch drauf. Wir hatten einen ganz einfachen und unkomplizierten Deal. Grönemeyer sagte: „Ich singe das Lied auf eurer CD und ihr macht die Musik für ein Stück auf ‚Mensch’“ – Da ich mit meiner Band Klezmer-Musik machte und für die Grönemeyer CD eine Klezmer-Polka vorgesehen war, hätte das prima im Tausch funktioniert. Aber zu guter Letzt kam das Klezmer-Stück nicht mit auf die CD „Mensch“, „Trauer“ jedoch auf unsere CD „The World Quintet“. „Trauer“ war so gesehen eigentlich der Grundstein für „Selma-In Sehnsucht eingehüllt“. Als ich Herbert im Zuge der Vorbereitungen zu „Selma“ fragte, ob ich „Trauer“ mit auf die CD nehmen dürfe, sagte er jedoch kategorisch nein. Warum, muss man ihn selbst fragen.

Hm, das finde ich so typisch. Parallelen dazu gibt es auch bei Businessprojekten – die scheinen am Anfang wie von selbst zu einem „big deal“ zu werden, sie lösen eine Anfangseuphorie aus. Und dann kommt alles anders als man denkt.

Als ersten Interpreten für „Selma“ rief ich Reinhard Mey an. Du musst wissen, dass ich während wir hier telefonieren umgeben bin von Reinhard Mey Platten. Er war der Held meiner Kindheit und Jugend. Damals habe ich ihn regelrecht imitiert, bin sogar in seinem Kleiderstil herumgelaufen. Tja, und dieser Held hat mir sofort zurückgemailt – er mache mit. Als wir dann nach Berlin zu den Aufnahmen flogen, wollte er uns sogar vom Flughafen abholen. Und in dem Stil ging es dann weiter. Die Interpreten auf der CD waren alle mit großer Begeisterung dabei und erschienen total vorbereitet im Studio. Sie alle verzichteten bei diesem Projekt übrigens auf sämtliche Tantiemen. Auch die Aufnahmestudios machten uns Sonderpreise, die Symphoniker ebenso – alle sind uns bei dem Projekt finanziell entgegengekommen, anders wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Das Problem war: die meisten der Leute hatten nur wenig Zeit – wenn sie Zeit hatten, mussten wir zur Stelle sein. Ute Lemper zum Beispiel sind wir nach New York nachgereist und haben dort in einem Studio die Aufnahmen gemacht.

Als ich die lange Liste der prominenten Musiker gesehen habe, dachte ich: Klar, die sind alle bei der Plattenfirma und brauchen vor dem Weihnachtsgeschäft noch ein Benefizprojekt.

Von wegen. Die sind alle bei unterschiedlichen Labels. Das Ganze ist ein David Klein Projekt. Von mir initiiert, von mir finanziert.

Selbst wenn die Musiker auf Gagen und Tantiemen verzichtet haben – die Reisekosten waren sicher auch nicht ohne?

Einige haben eine Gage verlangt, andere haben es gratis gemacht, oder ihre Gage gespendet. Die ganze CD hat mich an die 200.000 Euro gekostet. Aber ich habe da nicht so viel nachgedacht – ich wollte es einfach machen.

Hattest du das Geld auf der hohen Kante oder woher kam das<?

Ich hatte damals eine Firma mit zwei Freunden und wir haben viel eigenes Geld investiert, aber auch von Stiftungen, Gönnern etc. Geld bekommen. 

Wie viele CDs hast du denn bisher verkauft? Sind die Kosten wieder reingespielt worden?

Zuerst haben wir die CD im Eigenverlag veröffentlicht, mittlerweile hat SONY BMG die Produktion lizenziert. Bisher haben wir ca. 20.000 Stück verkauft.

Bei einem Stückpreis von 17,95 € heißt das, Du bist noch weit davon entfernt, die Kosten reinzuholen. 20.000 verkaufte CDs sind auch keine so hohe Stückzahl. Wie erklärst du dir das?

Ich bekomme pro CD ja nur einen Bruchteil der 17,95. Die Kosten werde ich wohl nie mehr einspielen, aber darum geht es mir auch nicht. Ich bin von einigen Deutschen Medien wahnsinnig enttäuscht. Egal, ob Kerner, Jauch, Beckmann – alle haben abgewinkt. Das Thema war ihnen allen zu „schwer“ oder zu unwichtig. Dafür aber Eva Herman ohne Ende! Es war ihnen wohl nicht sexy genug. Auch gewisse Printmedien fassen das Thema nur mit spitzen Fingern an. So haben z.B. weder die Süddeutsche noch die FAZ auch nur ein einziges Wort über „Selma“ geschrieben. Die hatten einen totalen Dünkel gegenüber einigen der Interpreten. Von einem Journalisten der FAZ bekam ich zu hören: „Eine CD, auf der Xavier Naidoo singt, rezensiere ich aus Prinzip nicht.“ Die BILD am SONNTAG hingegen brachte kürzlich eine ganze Seite, und auch online werden wir von BILD sehr unterstützt. Da siehste mal. Im Radio haben wir sowieso schlechte Chancen – denn heutzutage gibt es, abgesehen von einigen wenigen engagierten Sendungen, nur noch Formatradio – und das Formatradio hat guter Musik den Untergang bereitet. Formatradio heißt: Alle Stücke, die dort gespielt werden, müssen einer gewissen gängigen Melodik, Rhythmik und Harmonik entsprechen und sie dürfen maximal 4 Minuten lang sein.

Übertragen auf eine Kunstgalerie würde das heißen, dass nur noch Werke von 10 auf 10 cm Durchmesser und in rot ausgestellt würden oder dass in den Literaturmagazinen und- Sendungen nur noch Bücher beworben werden, die nicht mehr als 50 Seiten haben. Nicht auszudenken, was wir an Kunst und Literatur alles verpassen würden. Wenn beispielsweise die Doors mit ihren 15-minütigen Songs, Jimi Hendrix, Frank Zappa oder Janis Joplin heute auf der Musikszene erscheinen würden und versuchten, über das Radio bekannt zu werden, sie hätten keine Chance.

Wie sollen sich Jugendliche musikalisch weiterentwickeln, wenn sie am Radio und TV immer den gleichen profitorientierten Einheitsbrei serviert bekommen? Das ist wie wenn man einem Neugeborenen nur Fast Food und Süßigkeiten zu essen gibt. Viel Glück beim Versuch, ihm später beizubringen, auch Gemüse und Früchte zu essen! Populärmusik ist ja leider längst keine Kunstform mehr, sondern eine Ware, die nach pervertierten Kriterien an das Publikum verschachert wird.

Das größte Verbrechen an der Jugend sind allerdings die Castingshows. Diese Castingshows sind für mich die Pornos der Musikbranche. Jugendliche verwechseln das, was da läuft mit Musik, so wie sie aufgrund der Internetpornowelle anfangen, Porno mit Sex oder gar mit Liebe zu verwechseln. Mal ganz abgesehen davon, dass „DSDS“ - eine Sendung mit vorwiegend jugendlichem Zielpublikum - von CAB (Cola and Beer) gesponsert ist, und in jeder Werbepause Alkohol beworben wird. Und das trotz der fast unlösbaren Probleme mit Jugend-Alkoholismus!

Deshalb finde ich es wichtig, dass es zu der Selma CD auch das Schulprojekt „Sehnsucht nach Zukunft“ gibt (veranstaltet von Step 21), bei dem sich Jugendliche mit der Musik, den Gedichten und der Zeitgeschichte beschäftigen. Es ist ein Weg, sich ohne schlechtes Gewissen mit dieser Zeit auseinanderzusetzen – einfach, indem man gute Texte und gute Musik hört, die sich mit der Gefühlswelt der Jugendlichen auseinandersetzen. Sie entdecken – Mensch, da gab es vor über 60 Jahren ein 15-jähriges Mädchen, das hatte die gleichen Empfindungen wie ich. Und jetzt singen meine Idole ihre Texte! So befassen sie sich auch mit Selmas Schicksal. Ich finde es einen sehr tröstlichen Gedanken, dass die Nazis, die Selma umgebracht haben, inzwischen unter der Erde und vergessen sind. Aber die Gedichte eines kleinen Mädchens haben sie nicht in die Knie gezwungen, sie haben überlebt. Die Liebe hat über das Böse gesiegt!

Kommentare

Günter

Die ganze Aktion ist absolut unterstützungswürdig und lobenswert! Viele Menschen wissen erst durch euch wer Selma war und was aus ihr noch hätte werden können. Es ist zwar nur ein kleiner Trost aber zumindest bleiben dadurch ihre Gedichte "am Leben".
Ich werde mir auf jeden Fall eine CD besorgen (auch wenn der pseudo-religiöse Naidoo drauf ist).

Zur Antwort auf die letzte Frage, besonders was Radio und TV betrifft: BRAVO!

Schöne Grüße aus Wien

Neo Bazi

Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Ich werde mir Buch und CD umgehend besorgen.

Neo Bazi

Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Ich werde mir Buch und CD umgehend besorgen.

Jessica

Nachdem ich dieses Interview gelesen habe bin ich noch begeisterter vom Mensch David Klein, den ich durch meinen Gewinn bei amazon.de am Abend des Berliner Selma Konzerts kennen lernen durfte.
Schade nur, dass nicht mehr Zeit war für Gespräche dieser Art!

Ich kann jedem der interressiert ist CD, Konzert und das Buch von Selma empfehlen!

Alles Zusammen, die Musik, der Abend in Berlin und das dort erworbene Buch haben mich sehr bereichert!

Apfelmädsche

Hallo ihr lieben ich bin entsetzt über die Äußerung, das die Deutschen Printmedien sich für dieses (Wohl war) sehr schwere Thema Lieber eine Britany Spears aussucht und über ihr Leid klagt was sich sich selber zugefügt hat berichtet oder ob sie ein Höschen drunter trägt oder nicht...Die Deutschen haben da wohl einen Grund dieses Thema Auszuggrenzen....Oder...Das denke Ich.

Also Lieber David ich werde mal schauen was Zitronenette und meine Wenigkeit erreichen können.

Ella

David Klein ist ein wunderbarer Komponist. Und das Interview ist sehr interessant zu lesen, vielen Dank für es.

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