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Das seltene Lob für eine Anzeige

Mit dem Fahrstuhl zum Plot

Ein deutscher Thrillerautor erprobt neue Marketingmethoden. Und feiert den Prolog zum Buch als Horrorspiel.

Dieser Artikel war für ein großes deutsches Nachrichtenmagazin vorgesehen. Aber weil deren Deadline für den Ankauf des Artikels heute verstrichen ist, steht er nun hier. Viel Spaß beim Lesen.

Frank Schröder aus Berlin-Friedrichshain war gerade beim Teekochen in der Küche, als der Pizzabote an seiner Tür klingelte. Eine Jumbo-Pizza Salami/Käse. Dumm nur: Er hatte keine bestellt. Ein Unbekannter hatte die Pizza bei einem Pizzadienst in Auftrag gegeben und sie an Frank ausliefern lassen. In den vergangenen Tagen schlug der Unbekannte mehrfach zu – an die 20 Personen erhielten Pizzen, ein gutes Dutzend auch Blumensträuße. Kein Gruß, kein Absender, nichts. Nur ein USB-Stick. Wer den – der Virenangst trotzend – furchtlos in den USB-Schlitz seines Rechners steckte, sah darauf ein rätselhaftes, verwackeltes Video, was in seiner Horrormanier an die Handkameraszenen des einstigen Schockers Blair Witch Project erinnerte. Das Video zeigte nichts als das Innere eines Fahrstuhls mit der Stockwerksanzeige „-11“.
Doch die unbestellten Grüße mit Videobotschaft waren kein schlechter Scherz von Freunden wie manche vermuteten und auch nicht das Werk eines Psychopathen. Sie waren Teil eines so genannten Alternate Reality Games. Eines neuen Spielgenres, das auf viele Mitspieler so verstörend wirkt wie ein Kinobesuch auf das Publikum vor reichlich 100 Jahren. Man erinnert sich: In den USA sollen Kinobesucher beim Anblick einer Büffelherde auf der Leinwand schreiend aus dem Kino gerannt sein.

Alternate Reality Games, kurz ARG sind Spiele, die sich anschicken Virtualität und Realität so heftig zu verstricken, dass daraus eine dritte alternierende Wirklichkeit entsteht. „This is not a game – dies ist kein Spiel“ ist das Credo der Spielmacher. Während sich Opa noch an fiktiven Obern und Untern im Kartenspiel und die Elterngeneration am Häuslebauen beim Monopoly Brettspiel erfreuten, liegt die Sache bei den ARGs anders: Das ganze Leben wird zum Spielfeld. Alles in der Umgebung kann Teil der Realität oder des Spiels sein. Wahrheit oder Spiel – die Unterscheidungslinie soll gar nicht gezogen werden.

So gruselten sich besorgte junge Mütter im Elternforum als eine von ihnen von den USB-Stick-Zustellungen berichtete. Den Ratschlag, am besten gleich zur Polizei zu gehen, gab es öfters. Ebenso den Hinweis: Pass auf dich auf! Was viele der besorgten Mütter nicht wussten: „Pass auf mich auf“ war der Name, unter dem die rätselhafte Datei auf dem USB-Stick abgespeichert war. Offenbar hatten die Macher die ängstliche Reaktion bereits vorausgesehen.

Mehrere rätselhafte Zeichen, die mal in Form von Websites, mal in Gerichtsakten daher kamen, verdichteten sich zu einer Story. Offenbar stand ein kleiner Junge namens Horatio im Mittelpunkt. Aber der kleine krebskranke Kinderklinik-Patient war nicht so unschuldig wie man vermuten konnte. Eine bei ihm durchgeführte Rückführungstherapie – neuester Schrei der Esoterikszene – brachte grausame Geschehnisse an den Tag. Der Kleine war in seinem früheren Leben ein Serienkiller gewesen. Das mag man als schnöden Krimiplot abtun – bis zu dem Zeitpunkt als sich im Internet die Meldung von einem wahrhaftigen Leichenfund verbreitete. Den Tatort hatte Horatio in einem seiner Traumprotokolle genau beschrieben. Wer von den bis dato nur mitlesenden Krimifreunden dies überprüfen wollte, wurde jäh ins Spiel gerissen. Oder war es doch real? Am Tatort, in einem einsam gelegenen Gartenhaus, traf man auf Absperrbänder und Polizeibeamte, Gerichtsmediziner – mithin das ganze Arsenal, das man brauchte, um das Spiel für bare Münze erscheinen zu lassen.

Da begann es die ersten bei der cleveren Marketingaktion zu gruseln. Denn trotz aller echt wirkenden Ereignisse war dies ein inszeniertes Spiel –allerdings mit einem veritablen Thrillerspezialisten im Hintergrund. Der Droemer Knaur Verlag war auf die Idee verfallen, den Prolog zum neuen Buch des Berliner Thrillerautors Sebastian Fitzek auf diese Weise zu veranstalten und unerschrockene Schnitzel- und Leichenjäger daran teilhaben zu lassen. Hieß es bisher „der Film zum Buch“ oder „das Spiel zum Film“ so drehten die Werbeexperten des Verlags mithilfe der Berliner Viralmarketingagentur VM-People das Ganze um: das ARG-Spiel zum Buch. Clevere Krimikenner orakelten das schon nach wenigen Tagen. Als das Gerücht von einer mutmaßlichen Werbeaktion für seinen in Kürze erscheinenden Thriller „Das Kind“ die Runde machte, waren einige beruhigt. „Zum Glück keine echte Leiche.“ Andere waren enttäuscht. „Wenn ich gewusst hätte, dass es eine Werbeaktion ist, hätte ich nicht daran teilgenommen.“

Für manche „Argonauten“, wie sich die ARG-Spieler selber nennen, dürfte sich das Spiel recht realitätsnah angefühlt haben. Einen der Spieler observierten die Spielemacher beim Einkauf in einer Buchhandlung. Wenig später flatterte ihm die Warnung ins Haus, die Ermittlungen besser einzustellen, wenn ihm sein Leben lieb wäre. Andere wurden vom mutmaßlichen Serienkiller angerufen und zum Finale in den von unzähligen Wildschweinen bevölkerten nebelfeuchten und dunklen Grunewald bestellt. Immerhin rund 25 Spieler und Spielerinnen trauten sich gemeinsam – nur mit Taschenlampen bewaffnet – in den Wald, wo sie Opfer einer Entführung wurden. Mit Kopfhörern und Augenbinden wurden sie zum eigentlichen Spielende gefahren – wo sie neben der Auflösung des Rätsels der Autor Sebastian Fitzek mit Stullen, Kartoffelsalat, Rotwein und Tee erwartete. War das schlimm? „Och ne“, sagten manche, „wir hätten eigentlich noch mehr erwartet.“ „Ich hätte einiges mit mir machen lassen“, gab eine andere zur Protokoll. „Ich war darauf vorbereitet am Baum festgebunden zu werden.“ Stattdessen spannten Verlag und Autor die Spielpioniere nicht länger auf die Folter.
Obwohl ein bisschen mehr Folter wäre den meisten Mitspielern noch lieber gewesen. Möglicherweise zeigt dies einen neuen Trend im Freizeitverhalten. Dabei sein ist besser als mitlesen. Und mittendrin besser als nur dabei.

Nur zartbesaitete Zeitgenossen dürften sich fragen: Darf Werbung das alles? Ist es denn witzig in einer Zeit der Telefon- und Chatüberwachung, der Ausspähung der eigenen vier Wände und dem Online-Lauschangriff im Videoüberwachungsstaat ein solches Spiel zu spielen, das die Mitspieler in ihrer Privatsphäre einholt?
Werbestrategen stellen sich eine ganz andere Frage: Was hat es gebracht? Für Marketingchef Klaus Kluge vom Droemer Knaur Verlag, der die neuartige Werbeinszenierung verantwortete, ist diese Antwort derzeit allerdings noch offen. Er hat der Buchbranche nun eine neuartige Chance der Buchinszenierung gezeigt und selbst ein großes Maß an Experimentierfreude bewiesen. Ob es sich in den Buchverkäufen des Thrillers „Das Kind“ niederschlägt, wird sich bald zeigen. Denn der Titel wird erst ab Januar im Buchhandel ausgeliefert und stand beim großen Showdown noch nicht gedruckt zur Verfügung.

Die Antwort der Spieler ist ohnehin klar: Das Alternate Reality Game darf alles. Solange es Spaß macht.

Website des Spiels Push11

Horatios Tagebuch: Zimmer 217

Chronik des ARG push11, von einer Teilnehmerin veröffentlicht (ideal zum Einlesen)

Selbst organisiertes push11-Teilnehmer-Forum (täglich bis zu 300 aktive Ermittler)

Live-Berichterstattung zu push11 im Hauptstadtblog

Kommentare

Plissee

Das erinnert mich an den Film, The Game. Super Story war ganz gebannt. Hoffentlich werde ich nie Kanidat!

Jaeger

Die Geschichte scheint echt spannend zu sein und gruselig zugleich.

Gola Tasche

Das wäre nix für mich...

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